04/07

2009

FMC09: Erfahrungen bei den Verhandlungen mit Major Labels

(Hier geht's zum Life-Streaming zur Session)

Ralf Plücker (technischer Hintergrund als Ingenieur im Bereich Akustik) bericht von seinem Einstieg bei Vodafone vor 1,5 Jahren. Seine Gedanken:

  • Kopierschutz ist problematisch: Die illegale besorgte Musik kann man überall hören – die legal besorgte ist eingeschränkt. Damals dachte er, das sei in einem Montag erledigt… tatsächlich hat es dann deutlich länger gedauert.
  • Wer wird sich denn auf Aboprobleme einlassen? Die Konsumenten handeln doch eher nach dem Jäger- und Sammlermodell, keiner will seine Musiksammlung verlieren. Aber: Es gibt eine Altersgrenze zwischen U20/Ü30. Für die jüngeren ist der Wert nicht die Sammlung zu besitzen, sondern die Auswahl (Playlist). Ein Abo kann also attraktiv sein, wenn ich meine „Playlist“ mitnehmen kann. Das wird gerade möglich (z.B. durch M3U-Format.
  • Details zu DRM: Im „a la carte“ Verfahren geht es um einzelne Tracks. Hier merkt die Industrie: Der Kunde will die Musik auf verschiedensten Geräten abspielen – deshalb wurde das Kopierschutz-DRM abgeschafft. Ich kann einzelne MP3s unbegrenzt (von der Dauer her) anhören.
  • Im „Flatrate“-Verfahren kann ich unbegrenzt Musik hören – aber zeitlich begrenzt. Hier muss das DRM sicherstellen, dass nicht über das Ende des Abonnements gehört wird. Interessant ist aber: Die ganze Kaufproblematik ändert sich bei Flatrates, die Kunden überlegen ganz anders.
  • Die GEMA-Tantiemen sind für Flatrate-Downloads viel niedriger als für Albenkäufe. Eigentlich wäre gerecht: Tantiemen per play, nicht per Download. Das ist aber aus Privatsphäre- und technischen Gründen nicht möglich.
  • Längere Diskussion zum Thema, ob das z.B. per last.fm nicht auch möglich wäre…
  • Eine Lösungsmöglichkeit, die z.B. Vodafone bietet: „Upselling“ – aus der Flatrate heraus einzelne Stücke „für immer“ kaufbar.
  • Im Moment ist noch nicht klar, welche Modelle sich durchsetzen werden.
  • Preisdiskussion zum Beispiel Musikflatrate bei Rhapsody: Von den €8,99 geht €1 an die GEMA.
  • Phänomen bei Flatrates: Im ersten Monat wird alles runtergeladen („oh geil, Flatrate!“), danach wird es deutlich selektiver: Die Leute laden manches zum gezielten Hören, vieles nur zum Vorhören runter und löschen es dann.
  • Ist „a la carte“ für den Musiker besser als „Flatrate“? Ralf: Wir finden mit der Flatrate viele Kunden, die sonst illegal Musik hören – damit ist Flatrate besser als vorher gar nichts. Vodafone ist im Prinzip egal, was die Leute kaufen.
  • Ralf Plücker: "Musik ist kein High-Margin-Business"
  • Ralf Plücker: auch "a la carte" ist nicht richtig erfolgreich bzgl. Eindämmung der Raubkopie
  • Kundenverteilung bei Digitaldownloads entspricht nach Erfahrung von Vodafone dem generellen Markt – auch Schlager sind populär.
  • Kurze Diskussion um Geschäftsmodelle für Dienste wie Shazam – da gibt es verschiedene Modelle, ob für Erkennung, Musik kaufen, abonnieren gezahlt wird. Über „exotische“ Dienste wie Shazam kommt aber viel weniger rein als über Musikverkauf direkt.
  • Zurück zur Ausgangsfrage der Diskussion: Was wird sich durchsetzen? Diskussionbeitrag: Es setzt sich durch, was die Kunden wollen. Die ganz junge Zielgruppe will einfach das Neueste auf dem Handy haben – die wollen nicht kaufen.
  • Vodafone hat keine spezielle Unterscheidung zwischen verschiedenen Musikkonsumentenmärkten – sie bieten einfach an, was ihnen die Verträge mit den Labels möglich machen (aktuell alle drin, außer Warner)
  • Beobachtung von einem Teilnehmer von Simfy: Dort können Musiker auch eigenes Zeug hochladen. Durch Abos ändert sich auch das Hörverhalten, es werden auch unbekanntere Künstler entdeckt.
  • Ralf widerspricht, die „long tail“ wird bei Vodafone wenig gekauft, weil sie keine Awareness hat.
  • Ralf erklärt noch, dass die neuesten Entwicklungen in der Musikindustrie/im Musikkonsum eigentlich alle beteiligten (GEMA, Labels, …) völlig überfordert haben. Teilweise war auch wenig technisches Verständnis der Labels da: Z.B. wollte die Labels DRM-freie Downloads nur für den Rechner, nicht fürs Handy erlauben („sonst kopieren die auf dem Schulhof von Handy zu Handy!“). Nicht verstanden, dass das Kopieren mit dem Rechner viel schneller gnge… Labels wollten quasi von Vodafone auch entschädigt werden für wegbrechende CD-Verkäufe – statt zu verstehen, dass digitale Käufe CD-Käufe ersetzen werden und sie gar nichts dagegen tun können. Solche Verhandlungen dauern Monate/Jahre.
  • Statt gegen die illegalen Downloads vorzugehen überwog bei den Labels die Angst, die existierenden Verkäufe zu kannibalisieren.
  • Ralf Plücker: 85% Prozent der in Deutschland gehörten Musik sind illegal.
  • Stellungnahme von einem kleinen Electronic-Label: Das Geld von Deals mit Sony, Google/YouTube etc. bleibt bei den großen Labels und kommt nie bei den Künstlern an. Komponisten sind mit der GEMA extrem unzufrieden – über 1600 Komponisten haben der GEMA das Recht für digitalen Vertrieb entzogen, weil die Abrechnung viel zu unklar ist. Seiner Meinung nach hat es bisher mit Platten, Kassetten, CDs gut funktioniert. Die Weiterentwicklung wird hauptsächlich durch die Gier der beteiligten Firmen behindert.

Hier noch ein weiterer Mitschrieb der Session von Christian Scholz.

Insgesamt war es eine hochinteressante Session, ich hätte mir allerdings etwas mehr Erfahrungsberichte von Ralf und etwas weniger abschweifende Diskussion gewünscht. Offensichtlich gibt es viele einzelne Problematiken, die in der Diskussion gar nicht leicht zu trennen sind. Schade, dass ich morgen zur zweiten Session nicht da sein kann.

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