/> Contemporary Gospel - christian renz // bassist - Stuttgart

10/12

2008

Contemporary Gospel

Seit ein paar Jahren spiele ich neben all den anderen Sachen, die sonst so anfallen, verstärkt auch Gospel-Konzerte. Mir macht das riesigen Spaß, aber ich habe manchmal echt Schwierigkeiten anderen zu beschreiben was für Musik ich da eigentlich mache. Deshalb möchte ich kurz beschreiben, was Gospel für mich bedeutet und ein paar Beispielvideos verlinken, die einen gewissen Eindruck vermitteln können, worum es beim Gospel eigentlich geht.

In Deutschland verbindet man mit dem Begriff „Gospel“ oft eher traditionelle Spirituals wie „Amazing Grace“, „Go tell it on the mountain“, „Amen“ oder „Oh happy day“ und die traditionellen „stomp“-Gospelstücke mit Walking Bass.

Mittlerweile hat sich die Gospelmusik aber in alle möglichen Richtungen weiterentwickelt. Was heutzutage als „Contemporary Gospel“ oder „Black Gospel“ bezeichnet wird, ist eine Mischung aus dem traditionellen Gospel, Soul, R'n'B, Funk und HipHop. Das heißt: So leicht lässt sich das gar nicht trennen, denn die Stile und Szenen beeinflussen sich natürlich gegenseitig.

Ich muss manchmal schmunzeln, wenn es in deutschen Artikeln über Popstars wie z.B. Beyoncé heißt „…bereits im Alter von x Jahren sang sie im lokalen Kirchenchor…“. Wir stellen uns in Deutschland darunter eher einen traditionellen, klassischen Kirchenchor vor und wundern uns dann, wie dort jemand einen Stil wie Beyoncé entwickeln kann. Tatsächlich wäre die passendere Übersetzung oft eher „Gospelchor“. Und dort kann man dann tatsächlich die ad libs, den Stimmumfang, die Bühnenpräsenz, die Bewegung und all das trainieren, was man auch als Popstar auf der Bühne gut brauchen kann (abzüglich der Garderobenprobleme vielleicht). Wenn man genauer recherchiert, stellt man fest, dass sehr, sehr viele Sänger und Instrumentalisten aus den USA in dieser Gospelkultur aufgewachsen oder direkt oder indirekt von ihr geprägt worden sind – vor allem, wenn man sich einmal Live-DVDs aktueller RnB oder Pop-Sänger anschaut, die mit Band unterwegs sind.

Was mich persönlich am Gospel begeistert ist die enorme Tiefe und Vielfalt, und die Energie, mit der diese Musik gespielt wird. Gospel bringt mich immer dazu, mich voll in die Musik reinzuhängen und den Auftritt nicht nur als Job zu spielen. (Ein witziges Beispiel ist dieses Video von einem Soundcheck. Ja, der Drummer spielt auch beim Gig wirklich so viel. Ja, gute Gospel-Drummer sind generell durchgeknallt.) Im Prinzip grenzt ein Gospelkonzert (in den USA jedenfalls) immer an eine Jamsession, was man allerdings nicht so verstehen darf, dass man einfach spielt, worauf man gerade Lust hat - im Gegenteil, die Leute haben extrem ausgecheckt, was sie da gerade machen und genießen es, noch ein Voicing und noch ein Lick draufzuschichten, ohne dass der eigentlich einfache Kern der Musik darunter leidet.

Als ich angefangen habe, Gospel zu spielen, hat mich das als Bassist sehr herausgefordert. Einerseits muss man knallharten Groove spielen, weil das als Fundament einfach extrem wichtig ist. Andererseits ist man als Bassist im Gospel auch außerordentlich viel auf dem Griffbrett unterwegs (gut für schwäbische Bassisten: Man spielt jeden Bund, den man auch bezahlt hat :-)). Ich musste erst mal so einiges an Technik und Timing üben (und bin noch dabei). Am meisten Spaß macht Gospel natürlich, wenn man abwechslungsreiche, groovige Titel mit einem Chor spielt, der's rhythmisch entsprechend drauf hat - und wenn dann sogar noch Bläser und Streicher dabei sind, bleibt eigentlich musikalisch kaum ein Wunsch mehr offen.

Man darf allerdings nicht den Fehler begehen, Gospel losgelöst von seinen Wurzeln im Gottesdienst und in der Geschichte der Schwarzen in den USA zu betrachten. Für die unterdrückten Sklaven war die Musik beileibe kein geistliches Vertröstungsmittel auf eine zukünftige Welt (was dem Glauben ja manchmal vorgeworfen wird), sondern Ausdruck ihres Glaubens und ihrer Hoffnung, dass Gott im Hier und Jetzt schon eingreifen wird. Dieses Fundament aus Glaube, Liebe und Hoffnung verleiht der Gospelmusik ihre enorme Energie.

Zum Abschluss dieser doch etwas länger geratenen Abhandlung schließlich noch ein paar Beispielvideos. Einer der berühmtesten Gospelkünstler ist sicherlich Kirk Franklin, der sich auch außerhalb der Gospelszene einen Namen als Chorarrangeur gemacht hat (seine Arrangements sind zum Beispiel auch auf Stevie Wonders „A Time 2 Love“ zu hören).

Kirk Franklin - September

Ein tolles Beispiel ist sein Beitrag zur Earth Wind & Fire-Tribute-Platte: September. Ein etwas älteres, toll arrangiertes Stück ist Hosanna. Imagine me ist eine neuere, sehr schöne Ballade. Declaration (This Is It!) ist von seinem aktuellen Album (es lohnt sich etwas weiter reinzuhören – der Stil ändert sich ziemlich).

Israel Houghton ist bekannt für das (gelungene) Vermischen verschiedenster Musikstile. Mit Israel & New Breed hat er einige beeindruckende CDs und Live-DVDs (Tipp: Alive in South Africa) herausgebracht. Von seiner aktuellen CD „Deeper Level“ kann man auf YouTube z.B. Say So anschauen. Und auch dieser Jam ist sehr beeindruckend.

Weitere bekannte Künstler sind zum Beispiel Kurt Carr, Fred Hammond, Tonéx, Tye Tribbett und Hezekiah Walker

Zum Schluss möchte ich natürlich auch noch auf Andraé Crouch hinweisen, der die moderne Gospelmusik quasi begründet hat.

Wer jetzt wissen möchte, was ich so für Gospelmusik mache, darf sich gerne einmal den Diversity Praiz! Youtube-Kanal anschauen.